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Donnerstag, 16. Oktober 2008

nicht die gier, herr kardinal.

nach langer zeit bietet sich wieder einmal gelegenheit für eine meiner lieblingsbeschäftigungen: das bashing von vertretern der amtskirche. gründe dafür gibt es ja viele, kardinal schönborn liefert bei seinem besuch in der türkei einen weiteren:

„Der Wiener Erzbischof habe bei seiner Pressekonferenz in Ankara vielmehr darauf verwiesen, dass die Nichtbeachtung einzelner der Zehn Gebote und von Grundtugenden zur gegenwärtigen globalen Finanzkrise beigetragen habe. […] Der Kardinal habe daran erinnert, dass Gier, Verantwortungslosigkeit und Maßlosigkeit wesentlich zu den dramatischen Entwicklungen geführt hätten.“

damit ist alles klar. hätten die idiotischen manager doch die zehn gebote eingehalten, wären sie nicht den todsünden avaritia (geiz, habgier) und gula (maßlosigkeit) verfallen, dann wär’ wohl alles nicht so schlimm.

der kardinale stumpfsinn findet sich so oder so ähnlich in vielen kommentaren: die finanzkrise sei ausdruck und folge des moralischen verfalls einer kaste von investmentbankern, die einem teufel namens profitgier ihre seele verkauft hätten. der jetzige zusammenbruch sei bloß die gerechte strafe. die verirrungen einiger weniger müssten jetzt von allen (ja, wirklich allen, denn wer ist schon nicht betroffen?) ausgebadet werden.

diese einschätzung ist, mit verlaub, ein holler. es geht nicht um moral, auch nicht um individuelle verfehlungen. das mag alles irgendwo eine nebenrolle spielen, aber tatsächlich werden wir in diesen wochen und monaten einer krise des systems ansichtig. und wenn sich ein system (nämlich das der globalen finanzwirtschaft) in der krise befindet, dann müssen auch systemische lösungen gefunden werden. appelle an moral, anstand oder gar religiöse tugenden bringen da – sorry, herr kardinal – gar nichts.

der vorschläge sind genug da: globale finanzmarktaufsicht, rigide kontrolle von banken, neuordnung des rating-wesens, besteuerung von finanztransaktionen, spekulationsverbot auf nahrungsmittel, …

wer sich in moralischer entrüstung vergeht, vergibt (absichtlich?) die chance auf eine neuordnung des globalen finanzsystems.

laurenzennser

„Nationalökonomie ist, wenn die Leute sich wundern, warum sie kein Geld haben.“ (Kurt Tucholsky)

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laurenz ennser, *1982
• studienassistent institut f. soziologie (uni wien) • student (politikwissenschaft)
• gemeinderat (langenlois/nö)

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