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Montag, 24. November 2008

was ist ein „wichtiges“ ministerium?

die ressortaufteilung der neuen koalitionsregierung ist schon bekannt, ein paar namen fehlen noch. aber schon geht die diskussion los, was die spö nicht alles ausgelassen hätte, das justizressort hergeschenkt, kein innen-, kein außen-, kein finanzministerium, und so weiter.

nur: welches ministerium ist ein wichtiges ministerium?

die erste antwort lautet: jedes. kommt ganz auf die persönliche prioritätensetzung an. wären etwa grüne in der regierung, dann wäre wohl umwelt, verkehr, bildung, frauen ganz vorne, auch integration (fatalerweise noch immer im innenressort angesiedelt).

aber wagen wir einen anderen blickwinkel. betrachten wir die finanzielle ausstattung der ressorts gemäß budget 2007/08 (s. 88/89):

ressorts1
grau = övp, rot = spö

die großen brocken sind: finanzen (FIN), gesundheit (GES), bildung (BILD), soziales (SOZ). die dunkelrote fläche repräsentiert den bereich abreitsmarkt (ARB), der bis jetzt noch im wirtschaftsministerium (WIR), also bei der övp, war. nun wandert er zurück ins sozialministerium (wo er bis 2000 war), damit bekommt rudolf hundstorfer ein superministerium mit knapp 15 milliarden euro budget.

allein diese maßnahme verlagert ziemlich viel cash von der övp zur spö.

der abtausch justiz gegen gesundheit geht ebenfalls zugunsten der spö aus: in zahlen bedeutet das eine netto-verschiebung von fünfeinhalb milliarden euro.

das einzige finanzielle schwergewicht, das der övp bleibt, ist also das finanzministerium. rechnet man aber ein, dass mit den bundespensionen und den finanzierungsmaßnahmen (schuldendienst etc.) hier zwei große brocken schon fix verplante ausgaben sind, bleibt nicht mehr viel spielraum – der finanzausgleich ist für die kommenden jahre auch schon verhandelt, damit sind die gestaltungsmöglichkeiten geringer als die 26 milliarden budgetierung im finanzressort auf den ersten blick verheißen mögen.

fazit: wenn geld als maßstab für die wichtigkeit von ministerien gilt, dann hat die spö im vergleich zur regierung gusenbauer diesmal ziemlich gut abgeschnitten.
Georg (Gast) - 24. Nov, 17:16

Leider...

...hilft der Maßstab Geld in Sachen Kompetenzen nicht wirklich, wenn man etwa allernorts zurecht kritisiert, dass die Kombination Justiz+Inneres an eine Partei geht (die sich in den letzten Jahren durch ihre Handhabe im Innenministerium für diese Verantwortung auch nicht gerade empfohlen hat).

laurenzennser - 24. Nov, 23:10

wie wahr …

zum glück ist die wahl fürs justizressort noch recht gut ausgefallen. gerade eine richterin scheint mir sensibel gegenüber ausufernden polizeilichen befugnissen etc. …
dieter (Gast) - 24. Nov, 18:56

Umwelt, Frauen und Integration sind hoffnungslose Sozialpädagogik, die man auch ehrenamtlich auf Vereinsbasis (neudeutsch NGOs) organisieren kann. Dafür braucht man nicht in die Regierung zu kommen.

Justiz, Inneres, Äußeres, usw. sind die Bereiche in denen der Staat ein Monopol hat. Dort liegt die Macht und das ganz ohne viel Geld.

Aber das Budgetvolumen der einzelnen Ressorts zu vergleichen ist sicher auch eine gute Idee. Danke für die aufschlussreiche Grafik.

laurenzennser - 24. Nov, 23:17

mit verlaub

aber umwelt, frauen und integration sind drei gesellschaftlich immens relevante bereiche. und viele umwelt-, frauen- oder integrationspolitische maßnahmen lassen sich gar nicht auslagern, sondern müssen per gesetzgebungsmonopol durchgesetzt werden: umweltsteuern, grenzwertvorschriften, quoten, gleichbehandlungsvorschriften, integrationsmaßnahmen wie stützlehrerInnen, deutschkurse, liberales staatsbürgerschaftsrecht, … und nicht zu vergessen: umweltverträgliche verkehrspolitik.

will sagen: gerade umwelt, frauen und integration sind querschnittsmaterien, die in die kompetenzen vieler ministerien hineinspieln. dass die macht nicht nur am geld hängt, ist klar. aber zu meinen, der staat könne sich aus solchen dingen heraushalten, hielte ich für gefährlich …

und bitte, gerne geschehen, die grafik :)
Tom Schaffer (Gast) - 25. Nov, 04:13

abgesehen von den bereits genannten einwänden: schöne grafik. noch interessanter wäre sie, wenn wir alles rausrechnen würden, was bereits fix verplant ist (oder ist das eh alles ;)) - also nur das hätten, was noch gestaltungsspielraum zulässt.

alles in allem glaube ich, dass die spö einen ähnlichen fehler wie 2006 gemacht hat - nämlich für den ersten blick eine grottenschlechte optik ausverhandelt zu haben.

den wurf, das arbeitsministerium wieder den händen des wirtschaftsministers zu entreissen, finde ich aber ziemlich groß - auch ohne das budget zu betrachten. allein wenn man bedenkt, dass - soweit mir bekannt - diese wirtschafts-und-arbeitsminister konstellation außer unter schwarzblau und gusenbauer I nur im dritten reich bestanden hat...

laurenzennser - 25. Nov, 09:14

zumindest

ist das die korrektur des ständestaatlichen denkens, dass es keine interessenskonflikte zwischen arbeitnehmerInnen und arbeitgeberInnen gibt.

die grafik ist ja insofern zu relativieren als sie noch nicht die budgetzahlen für 2009 enthält. wer weiß, was sich da noch ergibt. sobald das budget beschlossen ist, kann man dann natürlich ans rechnen gehen. interessant aber ist: die övp hatte in der regierung gusenbauer ca. 50 % der regierungssitze in parlament und kabinett, verwaltete aber rund 2/3 der budgetmittel in ihren ministerien. mit dem abtausch jetzt stehts fast 50:50.

laurenzennser

„Nationalökonomie ist, wenn die Leute sich wundern, warum sie kein Geld haben.“ (Kurt Tucholsky)

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laurenz ennser, *1982
• studienassistent institut f. soziologie (uni wien) • student (politikwissenschaft)
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