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vergangenheitspolitik

Sonntag, 2. November 2008

wir sind helden.

österreich, 1. november 2008. allerheiligen. heldenehrung. die stadtkapelle marschiert, die feuerwehr marschiert, die jungfeuerwehr marschiert, der schützenverein marschiert, der kameradschaftsbund marschiert, die ehrenformation des bundesheers marschiert. leute kommen. schauen zu. die formation steht. meldung an den militärisch höchstanwesenden. abschreiten der formation. gleichschritt. ansprachen. helden. alles helden. keine opfer. nur helden. heldenhaft fürs vaterland gestorben. opfer? nein. täter? schon gar nicht. lauter helden. kameradenretter. heimatverteidiger. vaterlandsbeschützer. in stalingrad, oder sonstwo. deswegen also ehrung, heldenehrung. salutschuss. habt acht. präsentiert das gewehr. kranzniederlegung. ich hatt’ einen kameraden. marschmusik. links zwo drei. abtreten.

Sonntag, 2. März 2008

der andere faschismus.

science.orf.at bringt einen wertvollen beitrag zum austrofaschismus. allerdings ist es um das diesbezügliche geschichtsbewusstsein in österreich eher schlecht bestellt: 40 prozent aller befragten geben an, nichts mit dem namen „dollfuß“ anfangen zu können. und für ein viertel ist die tatsache, dass die dollfuß-regierung damals die demokratie aus den angeln hob, kein grund, dem autoritären kanzler nicht bewunderung zu zollen.

bei aller notwendigkeit der aufarbeitung der ns-zeit dürfen die geschehnisse aus den jahren 1933 bis 1938 nicht in vergessenheit geraten.

Mittwoch, 31. Oktober 2007

heldenzeit – die braune soße.

es war ein tag von symbolischer bedeutung: franz jägerstätter, wehrdienstverweigerer im dritten reich, bekam am 26. oktober per seligsprechung auch von katholischer seite die anerkennung, die sein widerstand gegen das nazi-regime verdient. hier ein feiner artikel dazu.

aus lokalpolitischer erfahrung weiß ich, wie tief die überzeugung auch bei vielen jüngeren sitzt, damals wären jene, die „nur ihre pflicht erfüllt“ hätten, die eigentlichen helden gewesen. und leute wie jägerstätter seien verräter gewesen, weil sie ihre kameraden desavouiert, hintergangen und im stich gelassen hätten.

vor zwei jahren versuchten die grünen in langenlois, meiner heimatgemeinde, die umbenennung der „josef-rucker-volksschule“ in „volksschule langenlois“ zu erwirken. josef rucker war vp-bürgermeister in der 60ern und 70ern, vor allem war er aber überzeugter nationalsozialist. er trat im frühjahr 1937 (!) in die damals illegale nsdap und die ss ein. er war mitglied der 52. standarte der allgemeinen ss, die an den plünderungen und brandschatzungen der novemberpogrome 1938 beteiligt war (obwohl eine beteiligung ruckers nicht gesichert ist).

die reaktion der gemeinderäte von övp, fpö und spö: völlige diskussions- und realitätsverweigerung: „seids deppat?“, „der hat doch so viel für langenlois getan“, „war doch a so a netter mensch …“

daraufhin wurden grüne gemeinderätInnen beim betreten von lokalen als „arschloch“ beschimpft, oder sie mussten sich auf offener straße mit „heil hitler“ anraunzen lassen.

weiterhin ziert die volksschule meiner heimatgemeinde der name eines ss-mannes. außerdem gibt es eine straße, die den namen eines nsdap-propagandaredners für den anschluss österreichs an hitlerdeutschland trägt.

der versuch der grünen, die jährliche „heldenehrung“ (die ehrung der in den weltkriegen gefallenen langenloiser soldaten) in ein „opfergedenken“ (bei dem auch die opfer des ns-regimes, also juden, politische gegner, behinderte, …) umzugestalten traf bei den anderen parteien (inklusive sp!) ebenso auf unverständnis und hämische kommentare wie die anregung, die aufschrift „gefallen für unser vaterland“ (wehrmachtssoldaten leisteten ihren eid allein auf hitler) durch „den opfern von krieg, verfolgung und intoleranz“ zu ersetzen.

gerade der fall jägerstätter führt einem vor augen, wer die wahren helden waren. da sollten jene, die gerade zu den novemberfeiertagen so gerne fahnen schwingen, den „kamerad“ anstimmen, und für die „kriegshelden“ marschieren, ganz schnell verstummen.

die braune soße ist längst nicht ausgelöfflelt. sie klebt eingetrocknet noch in vielen köpfen.

laurenzennser

„Nationalökonomie ist, wenn die Leute sich wundern, warum sie kein Geld haben.“ (Kurt Tucholsky)

who?

laurenz ennser, *1982
• studienassistent institut f. soziologie (uni wien) • student (politikwissenschaft)
• gemeinderat (langenlois/nö)

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